Zurück in der Heimat

Nach fast fünf Wochen in meiner Heimat in Deutschland sah ich mir nochmals den letzten Teil der Triologie des „Hobbits“ an (weil ich ja in Neuseeland im Kino dabei eingeschlafen bin) und am Ende des Films wurde mir bewusst, dass ich mich ähnlich fühlte, wie es wohl Bilbo Beutlin getan haben muss. Nachdem er 13 Monate in der Welt unterwegs war und gegen Drachen und Orks kämpfte, kehrte er in das friedliche Auenland zurück. Dort verlief im letzten Jahr jedoch alles wie gewohnt. Die Bewohner lebten in Sicherheit ihren Alltag ohne zu wissen, welch spannende Abenteuer aber auch verstörend und unwirklich erscheinende Realität außerhalb ihrer kleinen Wohlfühlwelt vorzufinden waren. Ich musste zwar im Gegensatz zum Hobbit nicht gegen Drachen kämpfen und hatte weder einen Ring in der Tasche noch Haarbüschel auf den Füßen, aber das Gefühl bei der Rückkehr war vergleichbar. Man kommt nach Hause und nichts hat sich geändert (außer, dass Joel mittlerweile von der Schule und nicht mehr aus dem Kindergarten kommt). Alles läuft seinen gewohnten Gang. Daran gibt es nichts auszusetzen – nach zehn Monaten in Dauerrotation trotzdem erst einmal eine große Umstellung.

Glücklicherweise haben mich meine Familie und Freunde so hervorragend empfangen, dass ich anfangs gar keine Zeit hatte, mir über die letzten Monate Gedanken zu machen und melancholisch zu werden. Sicher haben die Blogeinträge, Skypegespräche und Whats App-Kommunikationen dazu geführt, dass viele meiner Erlebnisse bereits vor meiner Rückkehr gelesen oder gehört wurden. Trotzdem freute ich mich riesig, wenn meine Familie und Freunde alle Geschichten noch einmal ganz ausführlich hören wollten. Und selbst wenn ich eine Geschichte zum zehnten Mal erzählt habe – es war immer wieder schön zu sehen, wie interessiert alle mit offenen Mund den Kopf schüttelten, weil viele Dinge einfach schwer vorstellbar waren. Wenn ich dann im Anschluss als erstes gefragt werde, wie und wo ich mir denn immer die Haare schneiden ließ, muss ich mir das Lächeln verkneifen. Die Prioritäten lagen woanders. Weitaus schwieriger war dagegen die Beantwortung der Frage: “Und, wie war es?” Ich weiß nach wie vor nicht, wie ich auf diese Frage reagieren soll.

Man benötigt ungefähr 42000km zur Umrundung des Äquators. Allein mit dem Flugzeug und dem Auto/Bus bin ich in den letzten Monaten über 85000km gereist – hätte die Welt also zweimal umrunden können. In dieser Zeit habe ich einiges über mich selbst, aber auch sehr viel über andere Kulturen, Traditionen und Lebensweisen gelernt. Die vielen positiven Sicht- und Lebensweisen anderer Kulturkreise versuche ich nun (noch mehr) in mein Leben zu integrieren. Große Worte wie Hilfsbereitschaft, Dankbarkeit, Empathie, Bescheidenheit, Optimismus oder Entspannung zählen dabei mit hinein. Zeitgleich freue ich mich, wenn ich meine Mitmenschen durch einige unvergesslich schöne Erlebnisse (z.B. die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft in vielen Ländern) selbst zum Nach- bzw. Umdenken bewegen kann. Vor allem aber faszinierten mich überall auf der Welt die Menschen, denen es weit weniger gut geht als uns. Lächeln war in diesen Gegenden meistens so normal wie das Meckern über die Überstunden oder das Wetter in Deutschland. Themen wie die Rentenversicherung, Maut-Gebühr oder ein Zehner pro Quartal beim Arzt existieren dort einfach nicht – also muss man sich darüber auch nicht den Kopf zerbrechen. Überlebenswichtige Dinge standen dagegen an der Tagesordnung: „Wo finde ich Arbeit, damit ich heute nicht hungern muss?“ Umso unbegreiflicher ist für mich deshalb die wahre Aussage, dass der „homo economicus“ niemals genug bekommt. Grundsätzlich ist gegen dieses Streben nach der individuellen Verbesserung nichts einzuwenden – ohne den Ehrgeiz Einzelner gäbe es keinen Fortschritt für (fast) alle. Warum aber die wohlhabenden Menschen mit steigendem Luxus nicht ebenso ihre Zufriedenheit steigern können, ist mir nach wie vor ein Rätsel. Wenn mir das jemand erklären kann, würde ich denjenigen gern zu einem Bier einladen.

Neben diesen „big points“ sind mir in meiner Heimat auch einige andere Dinge passiert, die mich teilweise zum schmunzeln und teilweise zum nachdenken gebracht haben. So lapidar, wie sich einige Punkte lesen lassen, sind sie nämlich nicht. Ganz im Gegenteil. Einige Beispiele:

  • Ich fahre auf der Autobahn – kein Tempolimit. Für 60 km benötige ich wohl keine acht Stunden mehr wie auf der Strecke von Cusco zum Machu Picchu. Nur der Scheibenwischer wird im Rechtsverkehr noch auffällig oft vor Abbiegungen tätig – trotz wolkenlosem Himmel.

  • Ich muss in Städten immer auf alle Anderen warten, wenn wir über die Straßen gehen. In der Vergangenheit musste man in den chaotischen Großstädten Asiens und Südamerikas jede Chance nutzen, um auf die andere Straßenseite zu sprinten. Hier werde ich von allen nur tadelnd angeschaut und auf die nächste Ampel hingewiesen.

  • Ich gehe auf die Toilette. Im Anschluss spüle ich mit Trinkwasser – dem flüssigen Gold der Zukunft.

  • Ich gehe (immer noch) auf die Toilette. Auf dem Klopapier neben mir sind lauter kleine Figuren gedruckt. In vielen Ländern war in öffentlichen Einrichtungen und Hostels die grundsätzliche Frage nach Klopapier schon lächerlich genug. Ich frage mich, wie ich den Einheimischen hätte erklären sollen, warum in Deutschland zwar Geld für bedrucktes Klopapier bezahlt werden kann, aber in Zeiten von Pegida und afrikanischen Flüchtlingsströmen auf die Straße gegangen wird.

  • Wenn es dunkel wird, drücke ich den Lichtschalter. Es ist hell – und zwar solange, wie ich es will.

  • Wenn mir kalt ist, stelle ich den Regler in der Dusche auf „warm“ – ohne extra Gebühren bezahlen zu müssen oder vorher Feuerholz zu sammeln.

  • Nachdem mir alle Ausweisdokumente geklaut wurden, plante ich mit dem Wissen um unseren bürokratischen Staat zwei komplette Tage ein, um einen neuen Personalausweis, Führerschein und eine Krankenkassenkarte beantragen zu können. Nach fast fünf Wochen und einigen Anträgen warte ich nun nur noch auf meinen Führerschein.

Ich bin also wieder angekommen. In das gefürchtete Loch bin ich zum Glück nicht gefallen – Familie, Freunde, die Vorbereitung auf das Referendariat und viel Sport lenkten mich gut ab. Der Alltag wird wohl trotzdem wiederkommen. Und das kann er auch ruhig. Ich freue mich auf das, was kommt. Und gleichzeitig plane ich im Hinterstübchen meine nächsten Trips. Das diese nicht in einem All-inclusive Hotel mit obligatorischer Liegenreservierung stattfinden werden, steht für mich fest. Unvergessliche Erfahrungen macht man nämlich selten am hoteleigenen Swimmingpool, sondern eher bei Einheimischen im Wohnzimmer. Knapp 50 Länder habe ich in meinem Leben bisher kennenlernen dürfen – circa ¾ der Welt habe ich also noch nicht gesehen. Es gibt demnach noch so viel, was entdeckt werden möchte.

                          “The world is a book and those who do not travel read only one page.”

                                                                                 St. Augustine

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