Okavango Delta, Windhoek Part II

7.10. 0:30 Uhr Windhoek

Wow, ich sitze im Backpacker Hostel in Windhoek am Laptop und mir wird bewusst, dass das Kapitel „Afrika“ morgen früh bereits vorüber ist. Nach der ersten Woche in Südafrika dachte ich, dass sich die weiteren sieben Wochen ziehen werden wie Kaugummi. Doch nun frage ich mich, wie schnell die zwei Monate vergangen sind. Zum Abschluss gab es im Okavango Delta in Botswana noch einmal eine riesen Portion Abenteuer mit extra Nervenkitzel und am Ende ein entspanntes Ausklingen in Windhoek:

Nachdem ich mir die lange Autofahrt zur Grenze des Okavangogebietes mit den verschiedensten Arten von Kommentaren bezüglich meiner neuen Haarpracht durchlas (die beste war eine E-Mail meines TT-Chefs aus Jena, der mich herzlich beglückwünschte und schrieb, dass jetzt ein ganz Großer aus mir werden könnte / Anmerkung von mir: er mag es überraschenderweise selbst relativ kurz), genossen wir abends im Hostel die vorerst letzte Zeit in Zivilisation mit Dusche, Strom und Licht.

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Am nächsten Morgen deckten wir uns im Supermarkt für die kommenden fünf Tage mit Essen und Trinken (und Mückenspray, da wir uns nicht nur auf die Malariaprophylaxe verlassen wollten) ein und füllten den 150l Dieseltank auf, bevor es in die Wildnis ging. Nach kurzer Zeit bekamen wir die ersten Wasserlöcher vor die Nase gesetzt. Zuvor wurde uns gesagt, dass wir diese zuerst zu Fuß durchlaufen sollten, um die Höhe der Wassertiefe bestimmen zu können. Das erste Wasserloch durchfuhren wir im Allradmodus ohne Probleme. Beim zweiten stand die gesamte Straße unter Wasser und es stieg mir auf der Hälfte des Weges bis auf Bauchnabelhöhe, sodass ein Durchfahren unmöglich war. Meine „Abtastbegleiterin“ Sandra trat daher den Rückweg an – unter anderen auch, da wir zwischendurch sahen, dass im Schilf einige Elefanten badeten und man in dem Wasser alles andere als schnell wegrennen konnte. Da ich aber am Ende des Weges in 200m Entfernung ein Auto sah, schleppte ich mich bis auf die andere Seite, da ich Hilfe erhoffte. Glücklicherweise wurde mein jämmerliches Winken auch als Hilfesignal verstanden und so wartete ich, bis das Auto mit den vier Männern bei mir ankam. Sie sagten mir, dass ein Durchfahren des Wasserlochs niemals möglich wäre und wir einen Umweg fahren sollten, um das Hindernis zu umgehen. Ich bedankte mich also herzlich und war dabei, wieder zurück zu den anderen zu waten. Ein „Are you crazy?“ und vier perplexe Blicke ließen mich aber halt machen. Die vier, die alle aus dem zwei Kilometer entfernten Dorf kamen, sagten mir, dass hier außer dem Nashorn die gefährlichsten Tiere Afrikas lebten. Neben den Elefanten treffen sich hier wohl auch noch Nilpferde, Löwen und Krokodile. Letztere hätten wohl vor einem Jahr einen 48 jährigen Mann aus ihrem Dorf an genau dieser Stelle umgebracht. Ein Zurücklaufen wäre also wirklich lebensmüde gewesen – ihrer Meinung war es der Hinweg schon. Also schrie ich den anderen drei von weitem den Weg zu, den die Dorfbewohner mir beschrieben hatten. Danach ließen mich meine Lebensretter (typisch afrikanisch) hinten auf ihrem Pick up Platz nehmen und wir fuhren zu dem Punkt, an dem den anderen nach x Minuten/Stunden vorbeikommen sollten. Ein Handy hatte ich nicht mit (selbst wenn es nicht nass geworden wäre, hätte ich sowieso keinen Empfang gehabt) und so war mir kurzzeitig ein wenig hilflos zumute mitten im Nirgendwo auf dem Pick up mit einigen Gruselgeschichten, die man aus Deutschland im Gepäck hat. Aber wieder einmal war das völlig unbegründet. Als ich mich für die Mitnahme bedankte und sagte, dass ich hier auf die übrigen Mitglieder der Reisegruppe „lemons“ wartete, erntete ich nur nochmals verständnisloses Kopfschütteln. Mir wurde erklärt, dass ich hier keine allzu großen Chancen hätte, wenn ein Löwe vorbeikommen würde, der meine immer noch tropfnase Hose als fremde Reviermarkierung wahrnehmen könnte. Also machten wir es uns bequem, quatschen über die Fußball-WM, das Oktoberfest und Schnee und warteten, bis die anderen drei eintrafen. Nachdem das tatsächlich irgendwann geschah, bedankte ich mich 1000fach bei den Jungs wechselte das Auto. Auf der Weiterfahrt trockneten Sandra und ich unsere Klamotten im Fahrtwind und einigten uns darauf, dass wir von jetzt an etwas vorsichtiger sein sollten. Ich weiß nämlich nicht, was meine Mutti und die Auslandsversicherung bei Krokodilangriffen sagt.

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Unser „Campingplatz“ bestand aus einer Freifläche mitten in der Wildnis. Die einzigen Unterschiede zu dem Rest der von uns befahrenden Fläche waren ein kleines Schild am Baum (Campsite 4) und eine kleine Aschestelle. Voller Tatendrang packten wir die Axt aus und gingen Holz hacken, um abends ein schönes Lagerfeuer machen zu können. Da unsere Hände nach dem ersten Tag mit Blasen und Blessuren gekennzeichnet waren, suchten wir uns für die weiteren Abende nur noch Brennholz, was von den Elefanten auf ihren Zügen sowieso bereits mund-, bzw. feuergerecht von den Bäumen gebrochen wurde. Am letzten „Lagerfeuer-Abend“ ging mir dann das Herz auf, da ein vorbeikommender „Game Drive-Tourist“ meine funktionierende Scheitelkonstruktion mit einem „Nice fire!“ kommentierte (bis dahin musste ich mich immer den ungeduldigen Kommentaren meiner Mitreisenden aussetzen, wenn die Konstruktion ab und zu in sich zusammenfiel, bevor ich sie anzünden konnte).

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Da wir den verbliebenen Inhalt unseres Wassertanks am Auto nicht ganz richtig einschätzten, fehlte uns bereits nach dem ersten Tag jegliches Wasser zum Kochen, Geschirr spülen, waschen, Zähne putzen, etc. Damit fiel die Körperhygiene für die kommenden Tage etwas dürftiger aus (somit bekam ich doch noch etwas vom Festivalfeeling dieses Jahr mit). Unser Geschirr spülten wir am Fluss ab, der direkt an unserem Schlafplatz entlanglief. Für Paul und mich war es dann auch eine besondere Aufgabe, neben dem Spülen ohne Hilfsmittel die Elefanten im Blick zu haben, die sich zeitgleich im Fluss erfrischten.

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Da es die Dickhäuter aber überhaupt nicht störte, was wir dort am Flussrand trieben, wollten wir natürlich später noch ein bisschen mehr Nervenkitzel und näher heran ans Geschehen. Wie auf den Bildern zu sehen ist, waren wir sehr nah an den Riesen dran – und auch irgendwann zu nah, sodass wir schnellstens den Rückwärtsgang einlegen mussten, um nicht ernsthafte Probleme zu bekommen. Die Entwicklung ist jedenfalls spektakulär: vor sechs Wochen im Krüger Nationalpark durfte man sich während der Safari nicht aus dem Fenster lehnen und hier in Botswana steht man den Wildtieren direkt gegenüber. Wirklich unbeschreiblich das alles hier!!!

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Nach zwei Tagen fuhren wir dann richtig ins Delta – dorthin, wo die meisten Touristen mit kleinen Chartermaschinen hingeflogen werden, weil es mit den Autos so gut wie kein Durchkommen zu den Lodges/Campingplätzen gibt. Auch wir blieben des Öfteren im Sand stecken, schafften es aber immer, uns selbst zu befreien.

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Tiere sahen wir hier überraschend wenige, aber wenn dann eben wirklich noch hautnaher (richtig gutes deutsch) als bisher. Wir hatten ja bisher schon alles an Tieren gesehen, sodass uns das auch nichts ausmachte. Wir hatten einfach noch einmal Lust auf die Wildnis, die Einsamkeit und die Ruhe. Letzteres versprach uns der Bootsfahrer Bala, der uns auf seinem Doppeldeckerboot „die Ruhe des Okavangodelta“ zeigen wollte. Und wir wurden nicht enttäuscht. Die Fahrt durch die engen Wasserstraßen waren unglaublich schön – und wirklich nicht in Worten wiederzugeben. Der abschließende Sonnenuntergang war für mich der schönste, den ich jemals gesehen habe (Zitat Sandra: „Sonnenuntergänge können nie kitschig genug sein.“). Die (unbearbeiteten!!!) Bilder geben hoffentlich ein kleines bisschen dieses atemberaubende Feeling wieder.

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Die Tage darauf fuhren wir quer durch das Delta und sahen unter anderen den Paradise Pool, den wir später noch einmal ansteuern wollten – ein Elefant versperrte uns jedoch so lange den Weg, bis uns unser Hunger und die heiße Mittagssonne wieder Richtung Camp zwangen – muss man eben einfach locker nehmen.

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In diesem Camp (hier gab es zumindest wieder Toiletten und Duschen, siehe Bild) kamen uns Elefanten und Nilpferde auch ziemlich nah. Das Nilpferd brachte meinen Herzschlag auf einmal sehr schnell nach oben, als es böse schnaubte weil ich vor ihm hockend Fotos machte und nicht wusste, ob das die Vorwarnung oder der Beginn eines Sprints in meine Richtung war.

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Spontan ließen wir ein Camp aus und fuhren bis nach Ganzhi, wo wir auf meine Note der Examensarbeit und Abschlussnote (Danke nochmal Benni!) anstießen. Jetzt ist das Ding auch in sicheren Tüchern und ich kann nun noch entspannter entspannen. Cheers auf fünf tolle Jahre Studium! Zum Ende hin hatten wir noch eine angeregte Diskussion über Dialekte, die für euch Leser unwichtig ist, aber bei uns viele Lacher produzierte, die wir nicht vergessen wollen (Gor ni. Darfst du ni. Warum?)

Am nächsten Morgen stand die letzte Tour mit Jasper an. Nach anfänglichen Schwierigkeiten hat er uns doch noch sicher nach Windhoek zurückgebracht. Auf dem Weg dorthin erkannten wir, dass Macklemore alias Maikelmore tatsächlich wie unser Maik sein will (Album The Heist, Song The Wing, Minute: 1:12). In Windhoek machte sich Sandra mit mir am späten Nachmittag auf den Weg, für den Abend einige Getränke einzukaufen (You are so rude!), da wir nach vier Wochen Stille und Einsamkeit noch einmal die Sau rauslassen wollten. Da hier aber samstags ab 13 Uhr kein Alkohol mehr verkauft wird, standen wir dumm da. Ich fragte daher einen Obdachlosen, wo er denn seine Bierdose her hat. Er entpuppte sich sofort als Stadtführer und führte uns durch kleine Gassen neben zwielichtigen Geschäften und einem Bordell und erzählte uns immer wieder: „Don`t be afraid.“ Und wir mussten auch keine Angst haben. Der Gute führte uns siegessicher zum wohl einzigen offenen Bottle Shop der Stadt, so dass wir ihm zu großen Dank verpflichtet waren. Nach einer Runde „Waterfall“ im Hostel und mehreren Anläufen in verschiedenen Clubs landeten wir im London Club. Hier trafen wir wieder extrem viele Deutsch-Namibier, mit denen wir uns lange unterhielten, wenn wir nicht versuchten, den Tanzrhythmus der Schwarzen nachzueifern.

Der anschließenden Hangover Tag mit ganz viel Kopfschmerzen (uns Deutschen wurde Jägermeister ausgegeben und die dachten, die tuen uns damit etwas gutes) ging mit der super Neuigkeit einher, dass wir die Kupplung an Jasper nicht bezahlen müssen. Paul brachte mit Kathi das gute Stück wieder zum Vermieter (Sandra und ich hatten in der Zeit mehr mit uns selbst zu kämpfen, der Klassiker eben) und bekam sogar noch das Geld für die Mehrkosten des Hotels zurück. Am Abend gingen wir noch in Joe`s Beerhouse, das für seine typisch afrikanischen Fleischgerichte bekannt ist. Und zwar zurecht. Wir bestellten uns Zebra-, Krokodil-, Kudu- und Oryxfleisch. Viel mehr Afrika geht nicht. Am letzten Tag vor unserer Abreise sind wir heute noch einmal shoppen gegangen und haben dem Beerhouse einen weiteren Besuch abgestattet (diesmal im Mustache-Style; mein Gott, sah das dämlich aus). Der Taxifahrer hat uns auf dem Rückweg unsere Quote versaut, da er wusste wo unser Hostel liegt. Bis dahin kannte nämlich nie ein Taxifahrer eine von uns genannte Zieladresse, sodass Paul einen Fahrer zwischenzeitlich mit seinem eigenen Handy/Navi zu unserem Ziel lotse.

Und das war es nun „schon“ mit Afrika. Ich habe fünf Länder mehr oder weniger lang sehen und erleben dürfen. Insgesamt sind wir über 10.000km gefahren (5000km in Südafrika und 5000km in Namibia/Botswana), sodass wir wirklich sagen können, Land und Leute gesehen zu haben. Namibia besticht einfach durch seine unglaubliche Weite und Einsamkeit. Sehr besonders ist nach wie vor der große Einfluss der Deutschen. Überrascht war ich heute zum Beispiel vom Eichsfeld-Holz. Vor allem im Norden haben mich aber die Lebensverhältnisse zum Nachdenken gebracht. Gerade nach unserer letzten Woche in der Wildnis frage ich mich, wie die Bewohner dieses Leben hier tagtäglich führen. Und die haben kein Auto mit Dachzelt, integrierten Kühlschrank, Laptop und Medien, über die sie ab und an die Ereignisse in der weiten Welt mitbekommen. Ich frage mich zum Beispiel, ob sie über die jüngsten Entwicklungen der Ebolaverbreitung Bescheid wissen – ich glaube nicht. In Botswana kam mir alles irgendwie unkomplizierter und einfacher vor – aber damit auch gleichzeitig erschwerender. Ich habe beispielsweise keine Ahnung, wie lange wir an manchen Orten hätten aushaaren müssen, wenn wir unser Auto einmal nicht aus dem Sand bekommen oder sich einige Elefanten gedacht hätten, mit unserem Auto ein bisschen Fußball zu spielen. So oder so war dieses (für mich) „wahre Afrika“ eine echte Bereicherung. Menschen, Tiere, Landschaft – alles ist anders als bei uns. Und das schöne ist: ich kann keine der Gruselgeschichten bejahen, die mir vor der Reise erzählt worden (klar, wir waren auch vorsichtig). In acht Wochen Afrika ist uns nie im Ansatz etwas Negatives passiert. Einzig auf der Partymeile in Kapstadt nachts um 4 Uhr gab es ein paar komische Menschen – aber das ist in Deutschland in keiner Stadt anders. Deshalb, wer Afrika einmal richtig erleben will, muss es einfach machen. Es lohnt sich!!!

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Morgen geht es dann für uns vier von Windhoek nach Johannesburg und von dort weiter nach Doha. Dort trennen sich unsere Wege. Kathi und ich fliegen für einige Tage nach Dubai – das wird wohl ein gewaltiger Unterschied werden zu dem, was ich bis jetzt gesehen habe. Eine Tour auf das höchste Gebäude der Welt habe ich bereits letzte Woche gebucht. Paul und Sandra fliegen wieder zurück nach Deutschland. Die beiden haben meine Afrikazeit echt geprägt. Ohne Pauls überragender Planung wären wir hier an manchen Orten ziemlich verloren gewesen und Sandra hat selbst aus einem leeren Kühlschrank noch etwas Leckeres gezaubert. Ich freue mich riesig auf das, was noch kommt – aber das Quatschen am Lagerfeuer wird mir fehlen. Zum Glück gibt`s (ab und zu) Skype. Danke, ihr zwei, für die tolle Zeit! Jetzt hat mich Kathi vorerst allein an der Backe. ;)

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