Neuseeland Teil II: Alpacas sind die besseren Teddybären /// Hawaii: anstrengende Auszeit auf der Aloha-Insel

Über die Hälfte meiner Reise hatte ich bereits hinter mir. Fünf Monate können schnell und langsam vergehen. Meine letzten Monate rasten förmlich an mir vorbei. Trotzdem kribbelte es mir langsam wieder in den Fingern. Ich war bereit, mal wieder etwas (anderes) „Sinnvolles“ zu machen. Nachdem sich Arbeiten im herkömmlichen Sinn (gebe Arbeitskraft > bekomme finanzielle Gegenleistung) in Neuseeland als schwieriger herausstellte als anfangs gedacht, sprang ich wie so viele andere Neuseelandreisende auf das Wwoofing (world wide opportunities on organic farms)- Boot auf. Die Idee war auf Farmen, Bauernhöfen, in Bio-Läden, etc. vier Stunden pro Tag zu arbeiten, so einen Einblick in die ökologische Landwirtschaft zu bekommen und einfach neue Erfahrungen zu sammeln. Als Gegenleistung erhielt man einen Schlafplatz und Verpflegung. Die Wochenenden waren frei und konnten wie auch die Nachmittage an den Wochentagen zur weiteren Erkundung der Insel genutzt werden. Nach der Anmeldung im Internet und Überweisung einer kleinen Gebühr stellte ich mich einigen interessant aussehenden Profilen vor und bekam nach kurzer Zeit zwei Zusagen für die kommenden vier Wochen. Die ersten beiden Wochen verbrachte ich mit Maree und Keith sowie ihren süßen Tochter Stella in der Nähe von Auckland. Dort baute ich mit Keith zwei Yurts (mongolische Zelte), in denen sie in ungefähr einem Jahr wohnen wollten. Trotz einiger sprachlicher Barrieren bezüglich handwerklicher Fachausdrücke (Baumarkt: „Chris, can you bring me the putty from the other side of the shop?“ > gesucht wurde die Spachtelmasse) und meinen eigentlich zwei linken Händen machte ich weniger kaputt als ich dachte. Ich schliff die selbstgemachte Eingangstür, konzipierte mit Keith die Struktur der Wände und bohrte, hämmerte und malerte an allen möglichen Holzlatten herum. Außerdem war ich der Gärtner vom Dienst und half Keith häufig bei seinen Weizengrasgeschäften im Nachbarort (jeden Morgen gab es ein Glas frisch gepresstes Gras). Meine Qualitäten der Kinderbespaßung konnte ich bei Stella leider nur selten zeigen, da ich meistens anderweitig eingesetzt wurde. Im Nachhinein hätte ich mich vielleicht einfach schlechter bei den Yurts anstellen sollen, um nach einigen Tagen zum Babysitter abgestellt zu werden. Mir machten die beiden Wochen jedenfalls viel Spaß und vor allem die Vielfalt an veganen Gerichten (die beiden waren Vollblutveganer) faszinierte mich total und bestärkte mich, in Deutschland wieder (mehr) auf der Vegetarierschiene zu fahren. Ehrlichkeitshalber muss ich zugeben, dass ich nachts immer am Honigglas genascht habe, dass eigentlich für Stella gedacht war. Der nächste Supermarkt für Süßes, Käse & Co war aber einfach zu weit weg. Naja, da hat die zweijährige Stella eben mal ein Honigglas pro Woche geleert. k-20150217_102324k-20150218_100109k-20150220_093310

Nach diesen beiden Wochen traf ich mich für ein Wochenende mit Emmi auf der Halbinsel Coromandel Peninsula. Nicht nur diese Busfahrt dorthin war reines Entertainment. Ich glaube wirklich, alle Busfahrer müssen hier vor der Einstellung eine Ausbildung zum Comedian machen – ich habe selten so gelacht. Da ist es auch nicht verwunderlich, dass sich in Neuseeland alle Fahrgäste beim Busfahrer für die Fahrt bedanken. Noch lustiger war nur noch, dass ich Bines besten Freund Sascha in einem klitzekleinen Cafè an einer Raststätte traf. Die Welt kann so klein sein. Vor sechs Monaten noch zusammen in unserer Jenaer WG gefeiert und jetzt am anderen Ende der Welt zufällig auf einen Kaffee getroffen.

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In Whitianga liehen wir uns Fahrräder aus und fuhren nach der kürzesten Fährenfahrt der Welt mit zwei weiteren Mädels zur Cathedral Cove und dem Hot Water Beach. Beide Orte faszinierten uns, wobei wir gerade bei dem Letzteren leider mehr Touristen antrafen als die gesamten vorherigen Wochen zusammen. Aber es hatte schon etwas, sich selbst ein Loch am Strand zu graben (bzw. eine Grube für die Mädels), im heißen Badewannenwasser zu entspannen und anderen dabei zuzusehen, wie sie sich die Füße verbrühten, wenn sie kein Meerwasser in ihren „Pool“ schütteten.

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Nach zwei entspannten Tagen versuchten wir unser Glück beim Hitch Hiken. Uns wurde so häufig gesagt, dass es nirgendwo so einfach ist, per Anhalter zu fahren wie in Neuseeland. Also Daumen raus, das schönste Lächeln aufsetzen (mit einer Note von Rehblick), hinter Emmi stellen (wegen der Note), Bob Marley in die Jukebox meines Handys schmeißen und hoffen. Und siehe da, es klappte verblüffend gut. Manchmal warteten wir keine drei Sekunden, bis jemand auf die Vollbremse trat und das halbe Auto umräumte, nur damit wir mitfahren konnten. So trafen wir in den kommenden zwei Wochen lauter unglaublich verschiedene (Doktor, Profirudbyspieler, Surfer, Kaffeeverkäufer, etc.) und interessante Menschen. Mein Vorsatz für Deutschland: ich nehme jeden mit, der per Anhalter reisen will. Warum? Weil es so super einfach ist, Menschen zu helfen (und gleichzeitig coole Leute kennenzulernen). In Bombay (nicht die Großstadt in Indien) empfangen uns das Rentnerehepaar Bob und Joyce auf ihrer Alpacafarm. Emmi wollte nach den von mir gezeigten Bildern der Kuschellamas auch unbedingt mitwwoofen und bekam tatsächlich einen Platz. Wir hatten zwei unglaubliche Wochen voller neuer Erfahrungen. Der 69jährige Bob (mehr als 150 Halbmarathons und 50 Marathons auf drei Kontinenten) schloss mich sofort in sein Herz als ich ihn nach schönen Laufwegen in der Umgebung fragte und Emmi erfreute sich über Joyce ihre abgeklärte Art. Wir machten alles Mögliche: halfen bei den Alpaca-Touren (100% nur Chinesengruppen) und im Shop, säuberten die Wolle oder sammelten in Ghost Buster-Manier den Alpacakot auf dem Quad auf. k-GOPR1512k-SAM_2327 k-20150228_112326 k-GOPR1521IMG-20150304-WA0025 k-GOPR1522 k-GOPR1529   k-SAM_2357 k-SAM_2381 k-SAM_2382 k-SAM_2410 k-SAM_2443  k-SAM_2546  k-SAM_2374

Außerdem schaffte ich es beim Feuerholz sägen, meine Gliedmaßen nicht abzutrennen und hatte die Ehre, Bob und seinen Kumpel einen Tag mit dem Motorboot im Pazifik beim Fischen zu unterstützen. Zur Unterhaltung der älteren Generation wurde mir aufgrund des Wellengangs und dem Zerlegen der Fische so übel, dass ich mein Frühstück peinlich berührt über der Reling im Meer verteilte. Anfänger!

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Ein großes Highlight war die Geburt eines Alpacas, die ich sah. Emmi war sogar bei zwei Geburten dabei. Wirklich faszinierend und mitreißend, die ersten Minuten eines so anfangs schwachen Lebewesens mitzuerleben und bei den ersten Schritt(versuch)en mitzufiebern.

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Zwischen den beiden aufregenden Wochen fuhren wir nach Auckland zum Asien-Festival, das ganz nett war, mich aber nach über drei Monaten Reisen in SO-Asien nicht so richtig vom Hocker gehauen hat. Deshalb haben wir außerdem einen Abstecher zum LesMills-Geburtsort in der Victoria Street gemacht. In dem utopisch großen Fitnessstudio, ich dem immer die Videos gedreht werden, die ich in Deutschland auswendig lernen darf, habe ich mich mit Emmi als potenzielle Studiointeressenten ausgegeben, um neben einer Stunde Body Combat noch eine Einheit Body Pump hinterherzulegen.

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Nachdem ich mich von Emmi verabschiedet hatte, machte ich mich per Anhalter auf den Weg zu Inia Taylor, da ich mich dazu entschlossen hatte, dass sich der Gute neben Haufen und Rihanna (vor allem aber Haufen) auch auf meiner Haut verewigen darf. Da Raphael zuhause ja mittlerweile schon zugehakt ist, konnte meine Eltern in dieser Hinsicht sowieso nicht mehr schocken. Nach langer Unterhaltung ging es dann an zwei Tagen für insgesamt sieben Stunden unter das Messer. Ich hatte mir die ganze Prozedur ein bisschen weniger schmerzhaft vorgestellt – vielleicht auch, weil ich mir wie immer zuvor keine großen Gedanken gemacht habe. Letztendlich bekam ich aber vor Begeisterung vor dem Spiegel stehend meinen Mund nicht mehr zu – ich war weit mehr als zufrieden und super happy!

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Nachdem ich irgendwie mit meinen Rücksäcken und dem neuen Tattoo im Quasimodostyle bis nach Auckland gekommen bin, lud mich Gig bei ihren thailändischen Freundinnen zum Essen ein. Am letzten Abend vor meinem Abflug auf Hawaii erfuhr ich vieles von den Mädels, was ich in drei Wochen Thailand zuvor nicht mitbekommen hatte – ausführliche Schilderungen über das Leben der Ladyboys und Transvestiten inklusive.

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Auf dem Weg zum Flughafen wurde ich dann ein wenig melancholisch. Hatte ich doch die Erfahrung gemacht, dass die Kiwis häufig sehr kleinkariert wurden, wenn es um die Nichteinhaltung (unwichtiger) Regeln ging, so mochte und schätzte ich anscheinend umso mehr ihre Fröhlichkeit, Offenheit und Freundlichkeit. Das in Verbindung mit der atemberaubenden Natur, die ich ganze zwei Monate genießen durfte, ließ mich ein bisschen schwermütig werden. Als ich mir im Flieger aber die „things to do“ für Hawaii durchlas, war alle Melancholie wie weggeblasen. Das ist auf meiner Reise eine der schönsten Dinge: raus aus einem tollen Land und eintauchen in ein neues Abenteuer. OK, nun also eine Woche Hawaii. Genauer gesagt die Insel Oahu mit Hawaiis Hauptstadt Honolulu. Nach der Landung begrüßten mich die Mitarbeiter am Flughafen mit einem herzlichen „Aloha“, einem dezenten Hawaiihemd und einer Blumenkette. Jawohl, so hatte ich mir das vorgestellt. Gleich im Bus lernte ich zwei Kolumbianer kennen, mit denen ich die ersten beiden Tage verbrachte. Nach ein bisschen Jogging zum Diamonds Head schauten wir uns die Parade des Asien-Festivals an (das neu eingeläutete Jahr des Schafes wurde echt überall gefeiert).

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Am nächsten Morgen fuhren wir mit dem Fahrrad den Highway entlang – und mussten oft anhalten, da uns Wale mit ihren riesigen Flossen vom Meer aus zuwinkten. Super cool! Dagegen konnte selbst der entspannte Seelöwe am Strand trotz überragender Posen nicht mithalten.

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Am folgenden Tag lud mich Ryan (ich hatte ihn in Thailand auf einer Dschungeltour kennengelernt) auf das Segelboot seines Chefs ein – ein Segelturn zum Sonnenuntergang stand an. Und das war nicht irgendein Segelboot: als bekanntestes Boot in Honolulu war es nicht nur in den Fernsehserien „Lost“ und „CSI Hawaii Five-O“ zu sehen, sondern auch Drehort eines Porno. Überraschenderweise hatten Ryan und der Capitän nur den Link des Pornos auf ihren Handys. Ziemlich underdressed im Gegensatz zu dem Besitzer des Bootes bot ich in guter Studentenmanier mein mitgebrachtes Sixpack und eine Packung Pringles (hier immerhin auch 15€) an und fühlte mich beim Blick auf die Skyline Honolulus wohl selten so dekadent.

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Am Anschluss gab es in der Bar des Yachtclubs nach Einladung des Bootbesitzers noch einige Cocktails und nachdem ich leicht angetrunken zu meinem Hostel gefahren wurde, war der Tag eigentlich schon ein voller Erfolg. Dort angekommen, wurde ich jedoch von zwei Deutschen und einer Dänin gezwungen, noch „auf ein Bier“ mit in die Stadt zu kommen. „Auf ein Bier“ ist glaube ich der von mir meistgehörte und gleichzeitig verlogenste Ausspruch, der mir auf meiner Reise um die Ohren fliegt. Naja, immerhin bin ich zum Pancakefrühstück um 7 Uhr wieder im Hostel gewesen. Auf der vierstündigen Busfahrt kurze Zeit später erzählte mir dann ein älterer Russe bis zur Endstation seine Meinung über den Kalten Krieg – auf Russisch. Das war noch schlimmer als die Erkenntnis, dass ich am Morgen im halben Delirium meine Nikes im Hostel liegengelassen hatte. In North Shore – dem Surferparadies schlechthin, empfingen mich neben einigen Hippies Amanda und Francine, mit denen ich mich am kommenden Tag auf Riesenschildkrötensuche machte. Und tatsächlich haben wir neben einem ziemlich touristischen Platz, auf dem Tierschützer die respektlosen Japaner davon abhielten, sich auf die Tiere zu setzen (leichte Übertreibung meinerseits, leichte!), einen einsamen Platz mit acht dieser beeindruckenden Kreaturen gefunden. Ich saß einfach nur auf einem Stein und beobachtete, wie entspannt sich diese Riesen fortbewegten.

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Auf dem Rückweg schauten wir uns noch die Profisurfer auf der Pipeline an. Für alle „Normalos“ war es aufgrund der monströsen Wellen sowieso verboten, ins Wasser zu gehen.

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Zurück in Honolulu holte ich mir meinen vergessenen Nikes ab und lief mit ihnen noch einmal den Diamonds Head hinauf, um die beste Aussicht auf die Insel zu haben (der „Stairway to heaven“ Trek wurde leider von der Polizei überwacht). Im Anschluss stattete ich der Statue Duke Dahanamoku noch einen Besuch ab, der vor dem weltberühmten Waikiki Beach thront.

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Danach nahm ich mit Francine den Bus Richtung Pearl Harbour. Wir liefen unter anderen durch ein U-Boot, das über 40 japanische Schiffe versenkt hat. Auf der einen Seite erschaudernd, auf der anderen Seite aber auch extrem interessant und unglaublich, wie in solch einem U-Boot während des Krieges über 50 Menschen wochenlang gelebt haben.

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Zuletzt lud mich Ryan ein zweites Mal auf das Segelboot ein. Diesmal schauten sich locker 30 Personen den Sonnenuntergang an und wurden kurz darauf mit mir Zeuge, wie ein Wal zum Luft holen genau vor unserem Boot auftauchte und mit einer Wasserfontäne wieder unter uns verschwand. Das war selbst für die eingefleischten Hawaiianer etwas Besonderes. Danach hatte ich noch eine lange Nacht bei Ryan und seinen Freunden mit Gitarren, Bier und coolen Gesprächen. Nachdem mir Ryan für die letzten beiden Nächte seine Couch angeboten hat, fuhr er mich am nächsten Morgen vor der Arbeit sogar noch zum Flughafen. Super netter Typ!

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Somit stand ich also wieder am Gate. Die Woche verging so schnell, dass ich es noch nicht einmal geschafft habe, mir ein Hawaiihemd zu kaufen. Ärgerlich. Und obwohl ich aufgrund meines neuen Tattoos nicht surfen oder tauchen gehen konnte (eigentlich Aktivität Nummer 1 und 2 auf Hawaii), habe ich in dieser Woche so unglaublich viel erlebt – und dabei noch nicht einmal die mindestens genauso schönen Inseln Maui, Kauai, Molokai oder Big Island gesehen. Amerikas Bundesstaat Nummer 50 werde ich demnach ziemlich sicher nicht das letzte Mal „Aloha“ gesagt haben – und wenn es beim nächsten Mal wieder nicht für ein Blumenhemd reicht, dann wenigstens für eine Hula-Wackelfigur im Auto.

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