Java, Bali, Melbourne: It`s all about meditation.

Ups, wir haben ja schon Februar 2015. Dass ich auf meiner Reise jegliche Relation bezüglich der Uhrzeit verloren habe, wusste ich bereits. Nach einem halben Jahr Reisen weitet sich dieses Dilemma jetzt wohl langsam in Tagen und Wochen aus. Ich schäme mich natürlich und haue jetzt kräftig in die Tasten, um die letzten beiden Monate schnell wieder aufzuholen. Zuerst geht es auf die indonesische Insel Java, auf der ich neben der Besteigung von Vulkanen meine unglaubliche Erfahrung der zehntätigen Vipassana-Meditation gemacht habe. Danach ging es noch kurz auf die Insel Bali und auf dem Weg nach Neuseeland wurde ein kleiner Zwischenstopp in Melbourne eingelegt. Na dann, Sport frei!

Zur Beruhigung der Passagiere gab es am Flughafen von Banda Aceh Kentucky Fried Chicken-Boxen for free. Unser Flug konnte nämlich aufgrund der ständigen Gewitter in der Regenzeit nicht starten. Typisch asiatisch wurde im Flieger also erstmal abgeschmatzt – und das Hühnchen mit Reis und Soße mit den Händen gegessen. Ich war wohl als einziger Nichtindonesier der Einzige, der dabei Besteck vermisste. Schöne Sauerei. Da ich somit im Umkehrschluss auch verspätet in Jakarta (Indonesiens Metropole auf der Insel Java) ankam, konnte ich es auch hier vergessen, mein Visum verlängern zu lassen. Ich buchte mir also ein viel zu schickes Hotel in der Nähe der vermeintlich für mich zuständigen immigration office und versuchte mein Glück am nächsten Morgen. Mein Essverhalten wurde beim Frühstück im Hotel mit dem Piano begleitet und als sich plötzlich irgendeine Ministerin Indonesiens mit allen Managern der Hotelkette neben mir fotographieren ließ, verließ ich in Flip Flops und Tank schnellstmöglich das Hotel. Nachdem ich mit kompletten Gepäck die gesamten nächsten zwei Tage unterwegs war, um irgendwo mein Visum verlängern zu können, hatte ich die Hoffnung schon fast aufgegeben. Anhaltende schwüle Temperaturen von über 30° brachten nicht nur meine Socken zum Glühen. Letztendlich gelang es mir doch noch, die richtige zuständige Behörde zu finden. Ich gab also meinen Pass ab (bedeutete gleichzeitig, dass ich 15 Tage ohne Pass war) und fuhr mit der Niederländerin Martine nach Bogor. Hier wollte ich noch vier Tage in einem Homestay relaxen, bevor es ins das Meditationscenter ging.

Die kommenden Tage waren richtig cool. Obwohl wir nur die Übernachtung bezahlt hatten, wurden wir die gesamte Zeit mit typisch indonesischen Essen vollverpflegt. Außerdem waren Touren zur regionalen Tofufabrik, zum botanischen Garten (wir wurden regelrecht verfolgt und belagert, sobald wir kurz stehenblieben) und eine interessante Yogastunde mit vielen Indonesiern (Sonntag früh 6 Uhr!!!) inklusive. Ich glaube, dass Ehepaar mochte mich. Nach dem ersten Tag sagten sie, dass ich nicht typisch deutsch wäre. Nach meinem fragendem Blick kam auch sofort die Begründung: „Du lachst immer so viel.“ Ich durfte es demzufolge als Kompliment aufnehmen. In den Tagen in Bogor lernte ich noch den Amerikaner John kennen, mit dem ich unter größter Anstrengung Kokosnüsse von den Palmen, die direkt neben den Ananaspflanzen am Bürgersteig wuchsen, holte.

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Kurz vor Abreise gab es dann noch Kopi Luwak zu trinken – den teuersten Kaffee der Welt. Dieser wird in Indonesien hergestellt und aus den Exkrementen einer hier lebenden Katzenart gewonnen. Manche denken jetzt bestimmt, „Man, jetzt trinkt der Typ sogar Katzenkacke-Kaffee.“ Mag sein, aber ich wollte zumindest mal probieren, wofür die Menschen in New York mehr als $50 pro Tasse ausgeben. Falls jetzt jemand in Deutschland Lust auf diese Exklusivität bekommt: ihr könnt euch das Kilo ab 220€ bestellen. Ich fand den geschmacklichen Unterschied aber nicht so überwältigend. Später bekam ich noch eine überragende Massage von einem Blinden. Das war super interessant zu spüren, wie schnell und empfindlich Blinde auf andere Körper reagieren können.

Die Fahrt zum Meditationscenter stellte mein Entspannt sein dann aber doch  noch einmal auf die Probe. Nachdem ich eine komplette Stunde mit dem Bus in die falsche Richtung fuhr (zwei Studentinnen bestanden darauf, meine Busfahrt zu bezahlen, da mir jemand aus „ihrer“ Stadt den falschen Weg beschrieben hat), stieg ich während eines Gewitters mitten auf der Autobahn in einen anderen Bus. Die wenigen Meter unter freiem Himmel durchnässten mich (kein Problem) und meine Taschen (großes Problem) komplett. Bogor als Stadt mit dem meisten Niederschlag in Indonesien wird auch nicht umsonst liebevoll „City of rain“ genannt. Etwa 10km vor dem Ziel schmiss mich der Busfahrer an der Endhaltestelle hinaus. Da keine Tuk Tuk`s zu finden waren, lief ich in jedes Haus und suchte jemanden mit Englischkenntnissen, der mich mit seiner Moped bis zum Meditationscenter bringen konnte. Ich fand nach einiger Zeit einen Restaurantinhaber, der mich trotz gut besuchten Hauses, Rush Hour und dem anhaltenden Regen zum Ziel brachte. Nach einer halbstündigen Fahrt (und er musste bei dem Wetter auch noch zurück) musste ich ihn fast auf Knien anflehen, meine umgerechnet 3€ als Dank anzunehmen. Nach wie vor unglaublich, welche Hilfsbereitschaft hier herrscht.

Ich war also endlich angekommen. Im Speisesaal wurde uns nach Abnahme aller persönlichen Sachen (bis auf Klamotten und Waschutensilien) der ungefähre Ablauf der kommenden 10 Tage erläutert. Neben mir hörten sich das etwa 70 Frauen und 30 Männer an, die nach der Belehrung die gesamten zehn Tage separat verbrachten (ausgenommen die Meditationseinheiten in der großen Meditationshalle). Nachdem uns nochmals dringend ans Herz gelegt wurde, diesen Kurs nur zu beginnen, wenn man ihn auch unbedingt beenden wollen würde, bekam jeder seinen Schlafplatz zugeteilt und nach einer halben Stunde Akklimatisierung begann das Abenteuer. Damit ihr meinen Tagesablauf besser versteht, hänge ich den hier an:

4:00 am Morning wake-up bell
4:30-6:30 am Meditate in the hall or in your room
6:30-8:00 am Breakfast break
8:00-9:00 am Group meditation in the hall
9:00-11:00 am Meditate in the hall or in your room according to the teacher’s instructions
11:00-12:00 noon Lunch break
12noon-1:00 pm Rest and interviews with the teacher
1:00-2:30 pm Meditate in the hall or in your room
2:30-3:30 pm Group meditation in the hall
3:30-5:00 pm Meditate in the hall or in your own room according to the teacher’s instructions
5:00-6:00 pm Tea break
6:00-7:00 pm Group meditation in the hall
7:00-8:15 pm Teacher’s Discourse in the hall
8:15-9:00 pm Group meditation in the hall
9:00-9:30 pm Question time in the hall
9:30 pm Retire to your own room–Lights out

 

Dazu kamen einige Regeln. Verboten waren unter anderen: Handy, Laptop, Zeitschriften, Bücher, Stifte, jegliche Art von Kommunikation unter den Teilnehmern, körperliche Betätigung, kurze Hosen, schulterfreie Shirts, Rauchen, Alkohol, Fleisch, Fisch.

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Um meine Gedanken der gesamten Zeit und eine mögliche Entwicklung nachträglich besser aufbereiten zu können, war ich so frech und habe ein kleines Notizbuch und einen Kuli in meinen Schlafraum geschmuggelt. Ich kam mir auch manchmal wie ein kleiner Gangster vor, wenn ich abends Zettel und Stift zückte und mich meine Mitbewohner nur schief von der Seite anschauten. Dafür folgen nun aber meine ausführlichen Tagebucheinträge der bisher intensivsten Tage meines Lebens. Es liest sich vielleicht manchmal wie eine Komödie, ich fühlte mich aber zusehends wie die Hauptfigur eines Dramas in 10 Akten:

Tag 0: 22.12.14

  • Letztes kurzes Gespräch mit einem Slowaken und Italiener. Scheinen cool zu sein, aber viel habe ich aus 2min Small Talk nicht herausbekommen.
  • Mein Zimmer sieht aus wie das aus meiner Bundeswehrzeit. Nur die Stromanschlüsse fehlen – was soll man hier aber auch aufladen?!
  • Von einem meiner drei Mitbewohner erfahre ich noch, dass er extra aus Singapur für diesen Kurs angereist ist, seine Frau und Kinder deshalb allein Weihnachten und Silvester feiern und er leider schnarcht.
  • Ich fauste mit dem Slowaken ein. Meine letzten Worte sind: „Have fun.“ Noch kann ich lachen.

Tag 1: 23.12.14

  • Ich habe keine Ahnung, was ich hier mache. Vor jedem Beginn einer Meditationseinheit ertönen Audiosequenzen des indischen Gurus S. N. Goenka. Klingt ein bisschen nach Mister Miagi – nur auf Englisch mit nervendem indischem Akzent.
  • Meine erste Aufgabe: sitzen, Augen geschlossen halten, auf die Atmung konzentrieren. Ergebnis: gnadenlos durchgefallen. Nach spätestens 15 Sekunden denke ich an irgendetwas. Aber irgendetwas ist schon zu viel. Ziel soll nach einigen Tagen eine Stunde sein. Niemals! Bin trotzdem extrem motiviert.
  • Im Bad bricht neben mir ein Teilnehmer das Waschbecken voll. Was er hatte, konnte ich ihn ja nicht fragen. Gefordert wird der Körper hier auf jeden Fall.

Tag 2: 24.12.14

  • Ich hasse jetzt schon den Aufsteh-Gong um 4 Uhr. Zwischen 4.30 Uhr und 6.00 Uhr kämpfe ich mehr mit mir, nicht im Sitzen einzuschlafen als mich auf meine Aufgabe zu konzentrieren.
  • Aufgabe heute: Spüre die Empfindungen in der Nasengegend bei der Atmung!
  • 10,5 Stunden am Tag vollständige Konzentration auf meine Nasenlöcher. Na dann: Heavy Christmas!
  • Spezialaufgabe: Einschlafen bevor es Jabba the hutt tut. 1-2 Räume entfernt höre ich Geräusche, die nur Gestalten wie dieser fette Wurm von Star Wars machen können. Er geht in Führung. Ich bleibe wach.

Tag 3: 25.12.14

  • Ich höre den Mittagsgong nicht und werde vom Manager persönlich geweckt und in die Meditationshalle gebracht. Ich erinnere mich an die Sportschulzeit zurück, als mich Frau Großner mit der halben Klasse aus meinem Bett im Internat holt, weil ich den Unterricht verschlafen habe. Schule war aber lustiger. Schuld ist Jabba. Sagen darf ich das jedoch nicht.
  • Ich schaufele mein vegetarisches Essen in mich hinein, damit ich abends nicht zu viel Hunger bekomme. Zu Hause gibt es heute Ente, Gehacktes und Muttis Zitronencreme (!). Das tut weh.
  • 18 Uhr: Ich habe Bauchschmerzen und muss dringend auf die Toilette. Toilettenpapier ist nicht vorhanden. In organisatorischen Notfällen darf der Manager angesprochen werden. Das ist ein Notfall! Der Manager meditierte aber gerade. Die folgende Meditationseinheit läuft suboptimal.
  • Spezialaufgabe: 1:1 Yes!

Tag 4: 26.12.14

  • Trotz genügend Schlaf geht in der ersten Einheit um 4.30 Uhr nix. An dieses Weihnachten werde ich mich ewig erinnern!
  • Kurz vor dem ersehnten Pausengong zum Mittagessen: 100 Menschen sitzen mucksmäuschenstill und meditieren und hören auf einmal, wie eine Chinesin den wohl heftigsten Orgasmus ihres Lebens bekommt. Alle Männer glotzen mit offenem Mund. Alle Frauen denken sich wohl: „Das, was die hat, will ich auch.“ Nach 2-3 Minuten wechselt das genussvolle Stöhnen in panische Schnappatmung. Sie schreit etwas auf Chinesisch. Was genau, kann ich meine Zimmerkollegen aber erst nach Abschluss des Kurses fragen. Halleluja, wir sind bei Tag 4. Was passiert dann erst an Tag 10?
  • Härtester Tag bisher. Aufgabe: partielle Empfindungen im Körper spüren. Ziel ist außerdem, sich eine Stunde keinen Millimeter zu bewegen. Beim Abschlussgong des Tages höre ich ein leises „Fuck“ des sonst so vorbildlichen Singapurers.
  • Spezialaufgabe: 1:2 Das raubt zusätzliche Nerven.

Tag 5: 27.12.14

  • Der Platz der Orgasmusfrau bleibt leer. War ihr wohl doch zu viel des Guten.
  • Ich bekomme wie alle „Erstis“ alle zwei Tage die Möglichkeit, ca. eine Minute mit der Lehrerin über meine Fortschritte zu sprechen. Mir geht es relativ gut, ich spüre tatsächlich eine Entwicklung. Mein slowakischer Kumpel neben mir ist super sauer, weil er nach vier Tagen immer noch nichts „spürt“. Die indische Lehrerin lächelt ihn liebevoll an und sagt sanft, dass das ok wäre. Ich muss mir das Grinsen verkneifen. Ich glaube, er würde am liebsten ihren Hocker kaputttreten.
  • Ich spüre erste „flowing sensations“. Wenn ich mich auf meine Arme und Beine konzentriere, fühle ich kleine Stromstöße, die meine Extremitäten hinunter fließen. Wahnsinn! Aber man darf das Gefühl nicht mögen, sondern soll es nur neutral betrachten. Alles andere als einfach.
  • Spezialaufgabe: 1:3 Heute im Doppelpack anwesend: Jabba und der Singapurer. Ich gebe endgültig auf.

Tag 6: 28.12.14

  • Ich bin frech und bleibe bis 6 Uhr in meinem Bett. Für den Manager und die Lehrerin sieht es so aus, als ob in meinem own room meditiere. Die erste Meditation bringt mir einfach nichts. Mit wirklich schlechtem Gewissen laufe ich zum Frühstück und zwinge mich, Nudeln und Reis zu essen.
  • Ich werde bekloppt. Während des Meditierens überkommen mich in Gedanken Sätze, wie sie nur auf dem Rummel zu hören sind: „Und noch eine Runde. Wer hat noch nicht, wer will nochmal?“ Ich will nicht mehr.
  • Highlight: zum ersten Mal halte ich die Stunde komplett durch. Die Belohnung: Ich habe fließende Empfindungen am ganzen Körper und nach einiger Zeit wachse ich auf eine Höhe von 10 Metern und schwebe (obwohl ich den Boden an meinem Hintern spüre) über der Meditationshalle. Klingt absolut verrückt aber ich bin hellwach, schwebe und spüre irgendwie den Wind viel heftiger in meinem Gesicht als die ganzen Tage zuvor innerhalb der Halle. Ich fühle mich wie auf Droge.
  • Das Harte: nach einer fünfminütigen Pause geht es gleich in die nächste Runde. Aber ohne mich. Ich bin vollkommen ausgelaugt. Meine Hose ist an den Stellen, an denen meine Hände auflagen (und nur dort), komplett durchgeschwitzt. Die Knie- und Rückenschmerzen waren eigentlich nicht auszuhalten.

Tag 7: 29.12.14

  • Ich kann mich nicht mehr motivieren. Die Empfindungen können nach der abendlichen Informationshörstunde des S. N. Goenka wohl noch intensiver werden als ich sie gestern erlebt habe. Aber ich habe keine mentale Kraft mehr, dabeizubleiben. Den Geist zu trainieren ist um ein so vielfaches schwieriger als den Körper zu trainieren.
  • Abends benötigt ein freiwilliger Helfer vier Versuche, um uns die Audioinformationen per Laptop auf allen möglichen Sprachen richtig einzustellen. Absolut unspektakulär, aber ich muss irgendwie anfangen zu lachen. Alle anderen im Raum sehen das und lassen sich anstecken. Das ist die erste (da normalerweise verbotene) Kommunikation/ gezeigte Mimik seit sieben Tagen und tut so gut, dass ich Tränen in den Augen habe.

Tag 8: 30.12.14

  • Ich konzentriere mich während der Meditationszeit mehr auf die Verarbeitung der Erlebnisse der letzten Monate und das, was ich noch vor mir habe (auf der Reise und in Deutschland). Meine Motivation bezüglich der Empfindungsbeobachtung meines Körpers fällt auf den Nullpunkt.
  • Ich habe Kopfschmerzen vom Denken. In fünf Jahren Uni ist mir das nie passiert.
  • Ich lese zum 1000sten Mal die Inhaltsstoffe meines Shampoos – auf Indonesisch. Jetzt weiß ich, wie es ist, im Gefängnis zu sitzen.
  • Das abendliche Stückchen Wassermelone, dass die „Erstis“ um 17 Uhr zum Tee gereicht bekommen, ist ein Schlag ins Gesicht. Ich liege um Mitternacht wach im Bett und muss mir anhören, wie mein Bauch Jabba Konkurrenz machen will.

Tag 9: 31.12.14

  • Düsterer Tag. Ich höre und sehe unten im Tal die Knaller und Raketen. Die Lehrerin flüstert zum abendlichen Abschied wie gewöhnlich nur „take rest“ ins Mikro und lässt somit nicht nur Weihnachten, sondern auch Silvester absolut unbeachtet. Das macht mich irgendwie wütend. Ich mache mir einen Tee, sitze allein im Speisesaal und habe mich selten so allein gefühlt.
  • Irgendwann sage ich mir dann aber, dass ich das doch alles freiwillig mache und denke daran, dieses Silvester zu verfilmen: „Mega hart und viel zu lang“ wäre der Titel. Die Goldene Himbeere hätte ich sicher. Alternativ auch eine Einladung zur Venus in Berlin.
  • Um 2 Uhr liege ich immer noch wach auf meiner Pritsche. Die Asiaten kopieren nicht nur gut Nike-Sneakers. Die stellen auch fabelhafte Imitate polnischer Böller her.

Tag 10: 01.01.15

  • Wie gewöhnlich „schlafe ich aus“. Um 6.30 Uhr sitze ich mit dem Schwarztee am Frühstückstisch. In Deutschland hat vor 30 Minuten das neue Jahr begonnen. Ich stelle mir vor, der Tee wäre Whiskey und hebe mein Glas: „Happy new year Germany!“
  • Die gute Nachricht ist: ab 10 Uhr darf wieder geredet werden. Also ok, letzte schweigsame Einheit abliefern und dann war es das mit der Stille.
  • 9.57, 9.58, 9.59, 10 Uhr, BÄÄÄÄÄM! Ich nehme mir jeden zur Brust und quatsche ihn erstmal voll. Oh Gott, tut das gut. Marek (der Slowake) kommt zu mir und umarmt mich erstmal. Es ist unglaublich, welche Beziehung man in die letzten Tagen zu einigen aufbaute, obwohl jegliche Art von Konversation (verbal und nonverbal) untersagt war.
  • Innerhalb weniger Minuten habe ich gerade größere Stimmungsschwankungen als sie eine hochschwangere Frau je haben könnte. Die Schmerzen und gefühlte Hornhaut am Hintern sind auf einmal wie weggeblasen.
  • Wir sitzen bis nachts um 2 Uhr im Zimmer und reden über Gott und die Welt.

Tag 11: 02.01.15

  • Ich stehe das letzte Mal um 4 Uhr auf, muss das vorerst letzte Mal warmen Reis frühstücken und sitze zum letzten Mal in der Meditationshalle. Nach dem gemeinsamen Putzen bekam ich meine Taschen wieder, inklusive Schimmel. Zehn Tage Nässe in meinen Rucksäcken ließen beim Öffnen dieser das Waschbecken fast zum zweiten Mal verstopfen.
  • Ich nahm die am wenigsten verschimmelten Geldscheine und gab den Helfern meine Spende (eine Gebühr gibt es für den Kurs nicht und es ist nur erlaubt zu spenden, wer den Kurs vollständig abgeleistet hat). Zur Verabschiedung gab es unzählige Umarmungen zwischen den Europäern und fast genauso viele Fotoanfragen von den asiatischen Leidensgenossen.
  • Alles in allem war dies eine unglaubliche Erfahrung für mich. Auch wenn ich mich nach dem sechsten Tag nicht mehr auf das Wesentliche konzentrieren konnte; irgendwas haben diese zehn Tage mit mir gemacht. Was genau, weiß ich nicht. In Sachsen gibt es auch ein Vipassanacenter. Vielleicht, aber auch nur ganz vielleicht mache ich das irgendwann noch einmal. Lernen kann man jedenfalls so unglaublich viel über die eigentlich wichtigen Dinge im Leben.

Im Anschluss ging es mit dem Taxi zurück nach Jakarta. Das war die Hölle. Zehn Tage absolute Stille und dann direkt rein in die 10 Millionen-Einwohner Stadt. Mein Weg führte direkt in das immigration office, in der ich meinen Reisepass erwartete. Dort angekommen sagte man mir, dass ich noch fünf Tage auf den Stempel warten musste. Ich versuchte ruhig zu bleiben und nicht zu fragen, was mein Pass den die letzten 15 Tage im Büro gemacht hätte. Stattdessen sagte ich, dass mein Inlandsflug in vier Stunden ging (unschön war, dass ich direkt zuvor mitbekommen hatte, dass vor einigen Tagen in Indonesien ein Flugzeug aufgrund des Wetters abgestürzte) und ich den Pass unbedingt brauchte. Komischerweise hatte ich meinen Pass inklusive neuem Visum 1,5 Stunden später in meinen Händen. Ich hinterfragte das alles nicht und war einfach nur froh, dass ich mich in Richtung Flughafen begeben konnte. Ich flog nach Yogyakarta, um von dort aus mit mehreren Zügen Richtung Mount Bromo zu kommen – neben dem Ijen der bekannteste Vulkan in Indonesien. In Yogyakarta konnte ich aber einfach nicht mein Homestay finden. Ich suchte in einem Hotel Hilfe. Der Inhaber gab seinem Mitarbeiter seinen Mopedschlüssel. Dieser fuhr mich über eine Stunde (!) durch die Gegend, um mein Homestay zu finden. Obwohl ich jetzt schon fast sechs Wochen durch die indonesischen Inseln reiste, war ich über diese unglaubliche Hilfsbereitschaft immer noch so positiv überrascht. Im Homestay „Mango Tree“ blieb ich nur eine Nacht, um meine letzten Tage in Indonesien zu planen. Abgelenkt hat mich nur manchmal der kleine Sohn der Homestaybesitzers, der mir wirklich den Tag versüßt hat.

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In Probolinggo buchte ich spontan eines Dreitagestour, die den Mount Bromo und den Ijen beinhaltete. Zuvor fragte mich der Travelagent, ob seine Schwester mit mir ein Foto machen dürfte. Ich sagte selbstverständlich zu und dachte, dass sie im Nebenzimmer sei. Tatsächlich telefonierte er aber kurz und 15 Minuten später parkte seine Schwester mit Fahrer vor dem Haus. Gekleidet wie eine Stewardess oder Bankangestellte hatte sie eine große Werbetafel unter dem Arm. Ich sollte mich dann mit ihr hinter das Plakat stellen und mit einem fetten Grinsen den Daumen in die Kamera halten. Keine Ahnung, ob ich jetzt auf irgendeinem Flyer einer indonesischen Airline oder Bank abgebildet bin. Billiger gab es meine gebuchte Tour trotzdem nicht.

Die Tour zum Mount Bromo machte ich mit einem niederländischen Pärchen. Ich war wirklich gespannt, sodass mich auch der frühe Start um 3 Uhr in der Nacht nicht störte. Zum Sonnenaufgang sollte man wohl die beste Sicht haben. Nach einer wackligen Fahrt mit dem Jeep setzte man uns an dem berühmten Punkt ab, von dem ich schon so viele tolle Fotos gesehen hatte. Seit Beginn meines Indonesienaufenthaltes war ich ganz scharf auf den Mount Bromo und seine spuckenden Nachbarn. Und wir wurden nicht enttäuscht. Während die Sonne aufging, lichtete sich der Nebel und zum Vorschein kam diese unfassbare Weite. Ich fühlte mich, als stünde ich auf dem Mond. Nie zuvor habe ich so etwas Einzigartiges gesehen.

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So in etwa hatte ich mir das im Voraus gedacht. Stattdessen musste ich das obere Bild aus dem Internet klauen und euch die traurige Wahrheit präsentieren. Nach einem Flug und zwei zusätzlichen Tagen Zug- und Busfahren kam ich an einem völlig mit Touristen überfüllten Aussichtspunkt an und sah in der Kälte zitternd genau das:

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Ich habe es letztendlich mit Humor genommen, da ich bisher eigentlich immer Glück bezüglich der Witterungsbedingungen bei Aussichtspunkten hatte. Und als wir später auch noch tatsächlich den Mount Bromo bestiegen haben und ich ins Innere des Vulkans sehen konnte, hatte ich die neblige Wand auch schon wieder vergessen.

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Auf dem Rückweg bekamen wir zumindest von einem anderen Punkt alle drei Vulkane noch einmal zu Gesicht.

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Nach sechs weiteren Stunden im Auto kamen wir zu einem kleinen Ort vor dem Vulkan Ijen. Hier ging es bereits um 1 Uhr Nachts los. Ich hoffte, diesmal mehr Glück mit dem Wetter zu haben. Nach einem einstündigen Anstieg wurde der Schwefelgeruch immer unerträglicher. Alle anderen Touristen hatten richtige Gasmasken auf. Unsere Tourguides hatten die wohl für uns vergessen oder nahmen an, dass wir ganz harte Hunde waren. Falsch gedacht. Unten im Krater angekommen musste sich ein deutsches Mädel sofort übergeben. Auch ich musste echt mit mir kämpfen. Wir standen dort um 2.30 Uhr mitten in der Schwefelwolke, um uns das berühmte blaue Feuer anzuschauen. Das war dann auch wirklich spektakulär. Da ich es aber nicht geschafft habe, in der Dunkelheit und dem Rauch anständige Bilder zu machen, folgen hier einige aus dem Internet, damit ihr sehen könnt, wie es in Wirklichkeit ausgesehen hat.

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Der leuchtende See war im Anschluss das Sahnehäubchen des spektakulären Ausflugs.

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Was hier jedoch so schön aussieht, ist in Wirklichkeit aber alles andere als gesund für den Menschen. Deshalb ist es auch umso schockierender, dass ich nach Ankunft im Krater etwa 30 Männer gesehen habe, die tagtäglich den giftigen Schwefel abbauen. Nach einer kurzen Unterhaltung erfuhr ich, dass sie die abgebildeten Körbe zwei- dreimal pro Schicht füllen und vom Krater zwei Stunden zur Lagerstelle schleppen. Das unvorstellbare daran: die Körbe wiegen bis 100 kg und der Weg aus dem Krater hinaus war für mich schon mit kleinem Rucksack echt anstrengend. Der eingeatmete Schwefel lässt die Lebenserwartung der Arbeiter auf durchschnittlich 33 Jahre schrumpfen – für einen (für Indonesien unglaublich hohen) Stundenlohn von $10-$15. Und wenn man fragt, warum sie das machen? Sie müssen ihre Familie ernähren. Unvorstellbar. Als ich wieder Internet hatte und ein wenig über die Schwefelarbeiter recherchierte, fand ich einige Statistiken, die diesen Beruf als den gefährlichsten der Welt bezeichneten.

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Nach dem Ijen habe ich spontan meinen schon gebuchten Flug nach Bali sausen lassen und habe die Fähre auf die bekannteste indonesische Insel genommen. In Balis Hauptstadt Denpasar habe ich zuerst einmal meine Kreditkarte im Automaten stecken lassen. Irgendwann musste ja so etwas passieren. Auch sonst verband ich mit der Stadt nicht allzu viel Positives. Am Strand habe bei dem ganzen Müll fast keinen Sand mehr gesehen, die Verkäufer auf den Straßen fassen einen dauernd an und wollen einen in den Laden ziehen und mir schien, als sei Bali für die Australier das, was für viele Deutsche Mallorca ist. Einige Traveller haben mir aber gesagt, dass es auch wunderschöne Ecken gibt. Vielleicht hatte ich aber auch einfach nur einen zu geringen Blickwinkel auf Bali und war von den Besonderheiten der letzten Wochen zu verwöhnt.

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Nach zwei Tagen auf Bali machte ich mich auf den Weg nach Neuseeland. In Melbourne musste ich jedoch umsteigen und hatte zehn Stunden Aufenthalt in der australischen Stadt, von der mir immer vorgeschwärmt wurde und die ich noch nicht gesehen hatte. Da passte es richtig gut, dass mich Nathan (Magier aus Melbourne, den ich im Flieger nach Singapur kennengelernt hatte) zum Essen und Rundgang eingeladen hatte. Ich verstaute also mein Gepäck und nahm den Bus Richtung Stadt. Eingeladen wurde ich in ein bayrisches Restaurant. Nach einem Riesenschnitzel und Liedern wie „Immer wieder Sonntags“ und „Verliebt, verloren, vergessen, verzeih`n“ schaute ich mir noch drei Stunden die wirklich schöne Stadt an und fuhr danach wieder in Richtung Flughafen.

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Spätestens jetzt merkte ich, dass ich Asien verließ. Zum einen gab es wieder westliche Toiletten und zum anderen wurde ich schief angeschaut, als ich 10 australische Dollar in 10 neuseeländische Dollar wechseln wollte. In Indonesien lebte ich davon 1,5 Tage. Hier am Flughafen meinte man zu mir, ich soll mir doch von dem Geld einfach einen Kaffee kaufen.

Nachdem ich im Internet vorher auf vielen Foren gelesen hatte, dass man entgegen der offiziellen Seiten nicht grundsätzlich ein Weiterflugticket aus Neuseeland beim Reiseantritt vorzeigen muss (solange man nachweisen kann, dass man genug Geld für ein Ticket auf dem Konto hat) und Emmi mir sagte, dass sie auf ihrem Weg nach Auckland die Woche zuvor nicht nach einem solchen gefragt wurde, versuchte ich einfach, ohne ein Weiterflugticket in den Flieger zu kommen. Als ich aber 15 Minuten vor Abflug meinen Namen durch die Lautsprecher des Gates hörte, wusste ich, dass ich mich verpokert hatte. Ich lief also zum Infoterminal, an dem mir gesagt wurde, dass ich jetzt noch ganze 5 Minuten Zeit hätte, um mir in der Lounge der Airline ein Rück-, bzw. Weiterflugticket zu besorgen. Ich rannte also zur Lounge und versuchte so schnell wie möglich einen halbwegs billigen Flug zu finden. Kontodaten in die Tastatur eingehämmert, Beleg ausgedruckt und zurück zum Gate. Mittlerweile waren alle Passagiere im Flugzeug und die Crew wartete nur noch auf mich. Ich war ein bisschen genervt von dem sinnlos gekauften Ticket nach Melbourne (da ich das definitiv nicht nutzen würde) und konnte es mir deshalb auch nicht verkneifen der auf mich wartenden Stewardess am Eingang des Flugzeuges ein „OK, now we can start“ entgegenzubringen. Nachdem der durch die Hektik angestiegene Puls wieder gesunken war, freute ich mich aber ganz schnell wie ein kleines Kind auf Neuseeland und vor allem auf Haufen und Emmi. Asien war toll und so anders. Ich kann mir nicht vorstellen, auf meiner weiteren Reise noch einmal ein Land zu finden, in dem so oft gelächelt und freiwillig geholfen wird wie auf diesem Kontinent. Lange Zeit zum Nachdenken blieb mir aber nicht (und die hatte ich ja auch zuletzt lang genug im Meditationscenter). Ich lehnte mich zurück und verfolgte zum ersten Mal seit meiner Reise gespannt die normalerweise stinklangweiligen Sicherheitshinweise vor dem Start des Fluges. Auf meinem Bildschirm begrüßte mich Sir Peter Jackson, Elijah Wood gab Sicherheitsanweisungen und Orks halfen bei dem Überziehen der Sauerstoffmasken (https://www.youtube.com/watch?v=qOw44VFNk8Y). Jap, ich war auf dem Weg nach Mittelerde.

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One thought on “Java, Bali, Melbourne: It`s all about meditation.

  1. Mega…. Meegaaa…… Meeeeeegaaaaaaaa geil! ;)
    Hab mich seit langem mal wieder auf dein Blog verlaufen. Muss ein echt cooler Trip sein, klasse Erfahrung und auf jeden Fall das Beste was du nach dem Studium anstellen konntest ;) hab noch eine tolle Zeit und verlern die deutsche Sprache nicht ;) Grüße vom Gerti

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