Bolivien: Südamerika verabschiedet sich von mir mit allem, was es zu bieten hat!

Auf meiner achtstündigen Kaffeefahrt (exklusive Kaffee, Omas und beheizbaren Wolldecken / inklusive allem anderen, was sich verkaufen lässt) an dem Titicacasee von Peru nach Bolivien musste ich mir neue Freunde suchen und schleuste mich in eine amerikanische Studentengruppe ein. Die hatte nämlich ihren eigenen Reiseführer, der ihnen die wichtigen spanisch gesprochenen Informationen bezüglich Grenzübertritt und Bus-/Fährenwechsel mitteilte. Und die Informationen hatte ich dringend nötig. Angekommen in La Paz, dem höchstgelegenen Regierungssitz der Welt (auf einer Höhe von 3200-4100m), machte ich mich 1,5 Stunden auf die Suche nach dem Hostel, in dem Lisa bereits auf mich wartete. Auf dieser Höhe mit meinen Rucksäcken hörte ich mich bestimmt an wie Rainer Calmund, der gerade für „got to dance“ vortanzte.

Lisa hatte es in der Zeit zum Glück ohne gefährliche Zwischenfälle (überall las und hörte man von Überfällen und Diebstählen an Touristen, bei denen nicht selten auch Messer und Elektroschocker zum Einsatz kamen) ins Hostel geschafft und überraschenderweise weniger Probleme mit der Höhe als gedacht. Sicherheitshalber wurde für den ersten Tag trotzdem nur ein kleiner Stadtrundgang geplant – mir lief es immer noch eiskalt den Rücken herunter, wenn ich an Gluzis Schlappatmung in meinem Nacken dachte, als wir in Perus Höhe starteten. Das wollte ich nicht noch einmal haben. Also ließen wir uns auf einem Aussichtspunkt von dem überwältigenden Ausblick auf die Stadt beeindrucken, der mit den unzähligen Häusern an den Hügeln der Stadt und den 6000ern im Hintergrund wirklich einzigartig war.

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Danach ging es zum berühmten Hexenmarkt, der nicht nur für seine vielen traditionellen Souvenirs, sondern vor allem wegen den Lamaföten berühmt war, die hier als Glücksbringer gelten und unter der Erde vergraben werden, bevor ein Haus auf dieser Stelle gebaut werden soll. Ich wollte eigentlich ein paar mitnehmen – so Föten sind ja eigentlich wie Glückwunschkarten. Kann man immer mal gebrauchen und besser, man hat ein paar zusätzlich zum Verschenken im Schrank liegen. Aber der Zoll in Deutschland hätte das möglicherweise anders gesehen. Also musste ich mich mit dem Kauf von dem traditionellen Yerba Mate Tee zufrieden gegeben. Lisa brachte es – möglicherweise aufgrund ihrer bisher unbekannten exhibitionistischen Neigungen – im Anschluss fertig, auf einem der belebtesten Plätze der Stadt ihre Unterwäsche beim Gehen aus einem Hosenbein zu verlieren. So schnell kann es dann doch gehen, dass Lamaföten auf einmal nur noch die zweitskurrilste Sache der Umgebung sind.

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Am nächsten Morgen fuhr Lisa allein mit dem Bus in das kleine Dörfchen Coroico im Yungagebiet, das genau zwischen der Ostseite der Anden und dem Amazonastiefland lag und als kleines Paradies gilt. Ich dagegen buchte für diesen Tag eine Ganztagestour auf der „death road“, die in Coroico enden sollte. Mit einer Gruppe von zehn anderen Verrückten wurde ich auf eine Höhe von 4800m gebracht, um von dort 63 km nonstop mit dem Mountainbike bis auf 1300m herunterzufahren. Neben der teilweise spektakulären Aussicht auf die Berge, Seen und Täler wurde die Straße bekannt durch den offiziellen „Titel“ der „gefährlichsten Straße der Welt“. Bis 2007 starben hier jährlich 200 bis 300 Menschen, da sie mit ihren Fahrzeugen die bis zu 300m tiefen Abhänge aufgrund der Enge, schlechten Witterungsbedingungen (u.a. fallen Wasserfälle direkt auf den nicht asphaltierten Weg) und fehlenden Absperrungen hinunterstürzten. Seit 2007 existiert jedoch eine Umgehungsstraße, die wenigstens den starken Verkehr umleitet und deshalb die eigentlich immer tödlich endenden Unfälle verringert. Aber wie es der Zufall so wollte, zerstörte ein Erdrutsch am Tag zuvor die neue Straße. Somit wurde der Verkehr wie früher auf der „death road“ umgeleitet und ich konnte mich auf einige Situationen mit endgegenkommenden LKWs freuen. Mit dem Wissen, das am Vortag ein PKW mit vier Insassen abstürzte, fuhr ich mit einem etwas mulmigen Gefühl los. Nachdem mir der Erste meiner Gruppe nach zehn Kilometern aufgrund der schwierigen Bodenverhältnisse (die vielen Steine auf dem Weg wurden „baby heads“ genannt, denen wir am besten nicht ausweichen und lieber direkt drüber fahren sollten) zeigte, wie man sich bei maximalen Tempo falsch abrollt (leider war die GoPro nicht eingeschaltet) und unser Tourguide alle fünf Kilometer anhielt, um uns von Horrorunfällen und „natürlichen Friedhöfen“ (das Bergen der Insassen von Busen, etc. war oft nicht möglich) dieser „hot spots“ zu erzählen, wurde das Gefühl nicht besser. Mit gesundem Menschenverstand und einer ordentlichen Portion Adrenalin sind aber letztendlich alle gesund im Ziel angekommen.

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Nach zwei entspannten (aber nebligen) Tagen in Coroico ging es auf derselben Straße (war wohl doch ein größerer Erdrutsch auf der neuen Straße) wieder nach La Paz. Dieses Mal fuhr ich die Strecke jedoch mit Lisa und im Bus, was ehrlich gesagt angsteinflößender war als die Fahrt mit dem Mountainbike, auf dem man wenigstens selbst die Kontrolle hatte.

Von La Paz nahmen wir direkt den nächsten Bus nach Copacabana am Titicacasee, um von dort mit der Fähre einen Tagesausflug zur Isla del Sol zu machen. Der bolivianischen Seite des Titicacasees ging der Ruf voraus, viel schöner als die peruanische Seite zu sein. Und das war sie tatsächlich! Die Sonneninsel hatte fast schon karibisches Flair und Müll und Abgasgeruch suchte man im Gegensatz zum Rest des Landes vergeblich. Nach einer vierstündigen Wanderung über die Insel beendeten wir unsere Tour mit einem überragenden Mittagessen und schöner Aussicht.

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Danach ging es wieder sechs Stunden im Bus nach La Paz. Nach den Bustouren durch Peru und den ersten Tagen in Bolivien wusste ich nun definitiv, dass ich im Durchschnitt alle zwei Tage zwischen sechs und zwölf Stunden im Bus saß. Nervig war dabei, dass man eigentlich immer ein Auge auf die außerhalb liegenden Staufächer für die Rucksäcke haben musste, da diese häufig aufgebrochen wurden, wenn die Buse an Ampeln etc. hielten. Wenn man aber die ganze Nacht fährt oder auf der gegenüberliegenden Seite im Bus sitzt, ist das leichter gesagt als getan. Nach den ganzen kriminellen Geschichten muss man wohl einfach ein wenig Glück haben aber gleichzeitig trotzdem immer damit rechnen, dass am Ende des Trips keine Tasche mehr auf einen wartet. Dafür war die Freude immer umso größer, wenn man wie auf der zwölfstündigen Nachtfahrt von La Paz nach Uyuni seine Tasche am frühen Morgen doch zurückbekommt. Richtig happy konnte ich an diesem Morgen trotz zurückerhaltener Tasche nicht sein, weil ich zuvor die schlimmste Busfahrt meiner Weltreise hinter mir hatte – und ich hatte schon einige schlimme Fahrten. Mein „Schlafplatz“ befand sich direkt auf der hinteren Achse des Buses und der Hersteller hatte wohl den Einbau von Stoßdämpfern vergessen, dafür aber viel Arbeit in die Sprungfedern meines Sitzes investiert. Daher hörte mich Lisa die gesamte Nacht aufgrund der (wie üblich) nicht asphaltierten Straße garstig pöbeln, wenn ich auf meinem Schleudersitz mal wieder durch die Luft katapultiert wurde. Der Rekord lag sicherlich bei mindestens 50cm. Das Schnarchen meines Vordermannes und die Kälte (Fenster gingen natürlich durch das andauernde Ruckeln immer wieder auf) gaben das i-Tüpfelchen einer (wie es von dem Busunternehmen angepriesenen) „entspannten und erholsamen Reise“.

Doch wie erhofft, präsentierte sich mir Boliviens Natur in den kommenden Tagen so vielfältig und außergewöhnlich, dass ich die schlaflose Nacht ganz schnell vergaß. Wir buchten bei einem der unzähligen Touranbieter eine dreitägige Tour durch die salar de Uyuni entlang vieler Bergseen bis zur Grenze Chiles. Das Gesamtpaket inklusive Jeep, Fahrer, Guide, Verpflegung und Unterkunft (nach bolivianischen Standard) gab es für knappe 100€ (dafür bekam ich in Neuseeland eine zweistündige Bootstour inkl. Kaffee) – im Nachhinein die mit Abstand günstigste und lohnendste Tour meiner gesamten Reise.

Mit Katja (Schweiz), Yves (Luxemburg), sowie einer Gruppe aus Costa Rica und Belgien starteten Lisa und ich unsere Tour Richtung Eisenbahnfriedhof. Seit teilweise über einhundert Jahren rosten hier langsam ganze Züge vor sich hin.

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Im Anschluss ging es zum Salzhotel, das komplett aus dem in der Umgebung getrockneten Salz besteht. Nach der erfolglosen Suche einer Deutschlandflagge sind wir von Sheldon Coopers „Spaß mit Flaggen“ zum touristischen Highlight Boliviens, der salar de Uyuni, gefahren: die größte Salzpfanne der Erde.

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Nachdem ein Familienvater in der Vergangenheit absichtlich seine Familie mitten in dem gigantischen Salzsee zurückgelassen hat und diese dort verdursten ließ, müssen sich alle Fahrer bei Eintritt registrieren lassen und alle sechs Monate(!) fliegt ein(!) Helikopter die gesamte Fläche ab, um liegengebliebene und vermisst gemeldete Autos und Personen zu finden. Uns jedenfalls überwältigte dieses unendliche Nichts. Waren wir vom Salzhotel noch mit 30 anderen Jeeps verschiedener Touranbieter gestartet, konnte man sich nun drehen und wenden – außer die eigene Gruppe waren nur noch die weit entfernten Berge des Altiplano am Horizont zu sehen. Um dieser einzigartigen Natur trotzdem einen gewissen Touri-Kitsch zu verpassen, gruben unsere Guides nach dem Mittagessen Spielzeugdinosaurier, Wasserflaschen und Zauberwürfel aus, mit denen wir dann anhand der richtigen Technik und ein wenig Geduld einige würdige Facebookprofilfotos schossen.

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Nach einen kurzen Stopp während des Sonnenuntergangs ging es in unsere Unterkunft, die ebenfalls komplett aus Salz bestand. Nach leckerem Essen und einer eiskalt tropfenden Dusche, für die ich sogar noch bezahlen durfte, ging es relativ früh ins Bett.

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Am folgenden Tag fuhren wir bis zur chilenischen Grenze und sahen auf diesem Weg viele schöne Seen, in denen teilweise tausende Flamingos mit ihren Schnäbeln nach Fressen stocherten. Höhepunkt war unter anderen die „Laguna Colorada“, die aufgrund einer sich im See befindenden Algenart rot leuchtete.

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Nach dem Besuch des „Stone Tree“ – die Witterung hat hier aus Vulkangestein in vielen tausend Jahren coole Steinbrocken gebastelt – fuhren wir zu unserer Unterkunft auf 4800m. Die uns prophezeite Eiseskälte trat ein und auch eine Flasche Wein (nicht clever in dieser Höhe) und einige ernstgemeinte Geschichten der Guides über indigene Geister wärmten uns nicht auf, sodass ich wie in meinen höchstgelegenen Tagen im Himalaya in Nepal mit allem schlief, was ich in meiner Tasche hatte. Im Gegensatz zu einigen anderen erwischte mich aber die Höhenkrankheit nicht und ich konnte verhältnismäßig gut schlafen.

Am nächsten Morgen starteten wir in der Dunkelheit (da Strom hier oben Mangelware war) bereits um 4.30 Uhr – und selbst Yves` Taschenlampen-App am iPhone konnte uns nicht mit Licht versorgen. Auf dem Display erschien nur folgende Information: „Zu kalt für Inbetriebnahme.“ Daher freute sich nicht nur das iPhone bibbernd darauf, nach dem Ausflug zu den auf 5000m liegenden Geysiren in einen natürlichen „hot pool“ zu springen. Nachdem wir uns dort zwei Stunden im Pool aufgewärmt hatten und unsere Haut schrumpelig war wie bei Uschi Glas, waren wir bereit für die siebenstündige Rückfahrt durch die Wüste. Da unser Fahrer aber die letzten beiden Nächte kaum schlafen konnte, da er nachts alle zwei Stunden den Motor des Autos 30min laufen lassen musste, damit dieser am folgenden Morgen auch noch anspringt, war er so übermüdet, dass er andauernd einschlief. Somit haben wir wohl den Costa Ricanern unser Leben zu verdanken, die den Fahrer sieben Stunden mit Fragen löcherten, deren Antwort eigentlich keinen interessierte – Hauptsache, der Fahrer antwortet und fährt uns nicht in den Tod. Damit die ganze Sache nicht zu langweilig wurde, setzte er einfach seine Sonnenbrille auf, damit wir im Rückspiegel nicht sehen konnten, wenn er wieder einmal zum Sekundenschlaf (hier bewusst den Plural benutzt!) ansetzte. Wenn die Quizrunde der Costa Ricaner dann zu spät startete und unser Kandidat in der Kurve einfach gerade aus fuhr, tat er so, als wäre das Ganze gewollt. Dass es zusätzlich zu diesem Szenario keine Gurte gab und wir mit einer Person zu viel im Auto saßen (also 8), ließ die Spannung bis zur letzten Minute aufrechterhalten. Zwischenzeitlich machte Lisa alle Anwesenden darauf aufmerksam, dass das Ersatzrad, dass eigentlich auf dem Dach festgeschnallt sein sollte, bei voller Fahrt neben uns die Böschung herunterrollte. Nachdem der Ausreißer wieder eingefangen wurde, durfte er 30 min später auch noch aktiv ins Geschehen eingreifen – Reifenpanne und –wechsel waren angesagt.

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Und weil uns die Rückfahrt der Tour noch nicht reichte, nahmen wir nach der Ankunft in Uyuni gleich den nächsten sechsstündigen Bus nach Potosi. Wie auch häufiger in anderen Situationen versuchte man uns überteuerte Tickets zu verkaufen. Es waren nie mehr als 20% des Preises aber durch meine geringen Spanischkenntnisse und die häufiger auftretende Unfreundlichkeit (nicht überall, aber schon öfter als in allen anderen von mir besuchten Ländern dieser Reise) fühlte ich mich nicht nur einmal eher unwohl bei Gesprächen mit den Einheimischen. Klar, Bolivien ist das ärmste Land des Kontinents und deshalb kann ich auch locker einen Aufschlag von 1€ je Busfahrt verstehen und verkraften – ich vermisste aber wahrscheinlich einfach die Freundlichkeit der Asiaten, die nicht weniger arm, aber viel herzlicher waren. Und dann bezahlt man auch gerne einen kleinen Touribonus. Ist wahrscheinlich einfach nur diese Sache mit dem berüchtigten Ton und der Musik.

Mittlerweile spürte ich, warum Bolivien als „westliches Dach der Welt“ bezeichnet wurde. In Potosi, der höchstgelegenen Großstadt der Welt, hatte ich am ersten Abend aufgrund der Höhe, Kälte und des Schlafmangels wirklich mit mir zu kämpfen, so dass außer im Bett liegen und laut atmen nichts funktionierte. Am nächsten Morgen hatte ich mich jedoch wieder gut erholt und fuhr mit Lisa zu einer ehemaligen Silbermine, die Potosi in der Kolonialzeit zu einer der reichsten Städte der Welt werden ließ. Seit vielen Jahren lässt sich hier nur noch ein wenig Zinn und Kupfer gewinnen, sodass die Regierung kein Geld in die Instandsetzung der Mine investiert. Viele Einheimische wagen jedoch trotzdem täglich den gefährlichen Weg in die Tiefe – im Durchschnitt sterben hier zwei Personen pro Monat aufgrund der Einstürze der Tunnel und das für einen Lohn von 10-20€/Tag. Besonders erschreckend: die Kinder brauchen (!) nur bis mittags in die Schule, damit sie wenigstens nachmittags in der Mine arbeiten können. Zusätzlich liest man häufig von Protesten von Kindern gegen (!) das Verbot von Kinderarbeit, da die Familien ohne das Einkommen der Kinder nicht überleben könnten.

Bevor wir für die Mine eingekleidet wurden wie die sieben Zwerge, kauften wir am Markt die für die Minenarbeiter üblichen Gastgeschenke – Alkohol, Coca Blätter und Dynamit. Potosi ist nämlich der einzige Ort auf der Welt, in dem jedermann legal den Sprengstoff kaufen kann. Preis pro Stange: 1,50€. Mit dabei waren Sebastian und Johannes, die beide aktuell als Zahnärzte in Bolivien arbeiteten. Mit Sebastian ging ich früher auf dem Sportgymnasium in eine Klasse und wir haben es trotz mangelhaften Internet geschafft, uns vor der Mine zu treffen. Am Mineneingang schluckten wir dann zum ersten Mal – das Loch sah mehr nach dem Eingang eines Fuchsbaus aus, in dem es unter fünf Metern gestapelten Steinen richtig dunkel wurde. Nach einer ersten Kennenlernphase mit der Enge der Gänge hörten und spürten wir kurz hintereinander das Geräusch und die Druckwelle zweier nicht weit entfernter Explosionen – das Schnäppchen-Dynamit war also keine Attrappe. Wenn man danach als erste Reaktion vom Minenführer aber nur ein „Fuck“ hört, fühlt man sich nicht unbedingt sicher. Wir liefen oder krochen durch die Gänge, hörten uns die vielen für uns unvorstellbaren Informationen über die Arbeitsbedingungen an und verteilten unsere Geschenke, wenn wir Kumpel trafen. Nachdem wir der Gottheit der Mine (menschengroße Teufelsgestalt) 96%igen Alkohol über seinen monströsen Penis gossen, um ihn für unseren weiteren Abstieg zu besänftigen, kletterten diejenigen ohne Platzangst weiter in „Level 4“ hinab. Ich war dabei und nachdem ich im Kriechen die maroden und teilweise kaputten Holzblöcke sah, die die Wände über unseren Köpfen halten sollten, fragte ich mich wirklich, wer hier tagtäglich „freiwillig“ hinunter geht und warum man tatsächlich Touristen einer solchen Gefahr aussetzen lässt (wir wussten es ja vorher nicht besser). Zusätzlich sagte der Guide, dass es bis zum „Level 14“ noch viel gefährlicher wird und deshalb nur die erfahrensten Minenarbeiter noch weiter hinunter gehen dürfen. Da dem Minengott aber anscheinend gefallen hat, dass unreif kichernde Touristen Hochprozentiges über seinem Gemächt verteilten, stieg ich mit den anderen unverletzt Richtung Tageslicht. Am Ende der Tour wurde uns noch mit auf den Weg gegeben, dass das Zink und Kupfer unserer Handys und Laptops möglicherweise hier abgebaut und zur Weiterverarbeitung nach China & Co verschickt werden würde – peinliches Schweigen folgte, weil alle daran dachten, dass hier Menschen für einen Hungerlohn ihr Leben auf das Spiel setzen, nur damit wir so früh wie möglich auf Facebook ein Foto hochladen können, auf dem wir ganz stolz unser brandneues iPhone präsentieren können (da unser aktuelles Handy ja schon ein Jahr alt ist).

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Nachdem Lisa und ich unseren letzten gemeinsamen Abend gemütlich mit Sebastian und Johannes in einer Kneipe verbrachten, trennten sich am nächsten Morgen unsere Wege. Lisa fuhr nach Santa Cruz, um zurück nach Deutschland zu fliegen und mir blieb eine letzte Woche, um mich moralisch auf meine Heimreise vorzubereiten.

Ich fuhr in Boliviens Hauptstadt Sucre, um nach einem Tag Sightseeing weiter Richtung Cochabamba zu reisen. Doch das noch am selben Tag gekaufte Weiterfahrticket ließ ich ruhigen Gewissens verfallen, weil ich im schönsten Hostel Boliviens eine Gruppe von Deutschen, Schweizern und Österreichern traf, mit denen ich meinen Aufenthalt auf vier Tage ausweitete. Die ersten beiden Abende verwöhnten wir uns gegenseitig mit einem überragenden BBQ und feierten im Anschluss in einer Disko, in der mir trotz andauernden Schulterzuckens und fragenden Blicken meinerseits aufgrund der spanischen Small Talks ungeheuer viel Tequila ausgegeben wurde. Am kommenden Tag liefen wir über die verschiedenen Märkte und wurde teilweise von Lebensmitteln beworfen, als wir das bunte Treiben auf Foto festhalten wollten – irgendwo verständlich.

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Bitter war aber, dass Sucres einzige Wasserleitung an meinem Ankunftstag durch einen Erdrutsch zerstört wurde und wir (und alle anderen Bewohner der Hauptstadt) vier (nicht wie erhofft zwei) Tage kein Wasser hatten. Zum Trinken konnten wir uns im Gegensatz zu den Einheimischen Wasser kaufen (teure 1,50€/l). Wenn sich aber nahezu alle Hostelbewohner einen Magen-Darm-Virus zuschieben und noch nicht einmal die Toilettenspülung funktioniert (ich verzichte auf eine bildlichere Beschreibung), wird die ganze Sache irgendwann grenzwertig. Deshalb rat uns auch der Hostelbesitzer nach vier Tagen, die Stadt zu verlassen, da nach wie vor nicht gesagt werden konnte, wann die Rohre wieder repariert seien.

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Daher schaute ich mir zum Abschluss einen unglaublich beeindruckenden Friedhof an. Die Schönheit und Verschiedenheit zu den im Vergleich uns bekannten Friedhöfen konnte ich nur teilweise mit der Kamera einfangen. (Trauriger) Höhepunkt war eine Zeremonie, bei der ein Polizist beerdigt wurde.

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Auf dem Rückweg schaute ich mir noch den Sportunterricht einer Schule an, der ausschließlich daraus bestand, dass die Sportlehrerin den Takt vorgab, den die Grundschüler im Gleichschritt über den Hof laufen sollten – die Holzgewehre auf der Schulter inklusive.

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Mit einer dezimierten Sucre-Gruppe bestehend aus Marcus, Flo, Fabienne fuhr ich für einen Tag nach Cochabamba. Glücklicherweise standen im Gegensatz zur vergangenen Woche für diese Tage keine Proteste der Bürger an, die im Normalfall Straßensperren beinhalten und Überlandverkehr nicht zuließen. Gerade in der Zeit der Wasserproblematik hätte das wirklich zu einem Problem werden können. Im wärmeren Cochabamba ließen wir uns mit der Gondel zur weltgrößten Jesusstatue chauffieren – der Gute überragt seinen Zwillingsbruder in Rio de Janeiro wohl um ganze 30cm. Marcus musste passen, da er den Magen-Darm-Virus freundlicherweise aus Sucre mitschleppte, um ihn in den kommenden Tagen an uns zu übergeben.

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Nach einer weiteren zwölfstündigen Busfahrt nach Samaipata, bei der die Landschaft wieder einmal zum Staunen war, relaxten wir die kommenden Tage in einem süßen Hippie-Hostel. Das dschungelartige Dorf gilt als Aussteiger-Mekka, in dem sagenhafte 35 Nationen wohnen! Eine schöne Wanderung zum UNESCO-Kulturerbe (riesiger Inka-Stein, der einen nach dem Machu Picchu nicht mehr umhaut), tolle Pizzen von ausgewanderten Argentiniern und einen Sonnentag an Wasserfällen brachten meine Reise zum perfekten Abschluss.

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Da sich unsere Mägen mittlerweile wieder einigermaßen im Griff hatten, starteten Markus, Fabienne und ich in meiner letzten Nacht noch eine Party in Santa Cruz. Im gebrochenen Spanisch ein Taxi zum Flughafen für den nächsten Morgen organisieren, vorglühen im Hostel mit Pool und im Anschluss im Club auf allen wackligen Tischen tanzen und nebenbei betrunken die immer noch emotional gebeutelten Brasilianer fragen, wie sie mit dem 1:7 aus dem Vorjahr klarkommen. Geendet haben soll das Ganze wohl mit einer Nachtbadeaktion im Pool. Jedenfalls bin ich Marcus und Flo zu großen Dank verpflichtet, dass sie mich am nächsten Morgen aus dem Bett geschmissen haben – sonst wäre mein Flieger wohl ohne mich nach Hause gestartet. Aber wie auch auf allen 24 Flügen der letzten Monate klappte letztendlich alles ohne größere Probleme.

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Mit fiesem Kater saß ich also kurze Zeit später im Flieger, der mich über Madrid nach Frankfurt bringen sollte. Madrid = Europa! Frankfurt =Deutschland! Wo waren bitte die letzten zehn Monate hin? Gut, Afrika war für mich mittlerweile so unglaublich weit weg. Aber das Abenteuer in Nepal, meine Meditation in Indonesien, meine Alpakas in Neuseeland, die Karibikinsel in Nicaragua, der Machu Picchu in Peru – alles schon wieder vorbei? Unglaublich. Aber ich freute mich riesig auf Zuhause. Endlich wieder Familie und Freunde umarmen und zusammen quatschen – es wurde Zeit. Also schraubte sich ganz unbewusst meinen Herzschlag nach oben wenn ich an die vielen kommenden Begegnungen in Deutschland dachte und die beiden Flügen schienen zum ersten Mal seit langer Zeit kein Ende zu nehmen. Mit dem Wissen, das Glück zu haben, dass ich in dem vergangenen Jahr die Erfahrung meines Lebens machen durfte, ging gleichzeitig die Angst einher, was nach der ersten aufregenden Zeit in Deutschland passiert. Für mich stellte sich eigentlich nicht die Frage, ob ich mittelfristig in ein Loch falle – sondern nur wann.

Wie ich aber meinen ersten Monat in meiner Heimat verbrachte, welche alltäglichen Dinge für mich in der ersten Zeit alles andere als normal waren, welche Schwierigkeiten für mich auftraten und was ich letztendlich aus dem Jahr Weltreise für mich und mein weiteres Leben mitnehmen werde, fasse ich zeitnah in einem letzten Blogeintrag zusammen.

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